Im Freundschaftsbuch als Kind, auf Dating-Apps, in der Vorstellungsrunde im Workshop, beim Smalltalk auf der Party – überall wird man gefragt, was man denn „sonst so" macht. Was sagt man dann? Was sind eigentlich meine Hobbys? Zählt Fernsehen? Mit dem Hund rausgehen? Mit Freunden was trinken? Oder muss es etwas „Aktives" sein – Tennis spielen, Pullover stricken, bei der Freiwilligen Feuerwehr helfen?
Wenn man von aussen draufschaut, scheint es da eine klare Hierarchie zu geben. Sagt jemand, er sei in der freiwilligen Feuerwehr, fliege Gleitschirm oder baue Holzskulpturen, kommt oft ein bewunderndes „Wow, was für ein cooles Hobby". Sagt jemand „Mein Hobby ist essen", folgt meist ein Lächeln, aber innerlich denken viele: „Das zählt doch nicht wirklich." Aber warum eigentlich nicht?
Der Grund liegt nicht in der Tätigkeit selbst, sondern darin, wie bewusst wir sie erleben. Wenn wir uns ein Hobby vorstellen, denken wir meist an etwas, das uns ganz einnimmt – körperlich, geistig oder beides. Etwas, das unsere volle Aufmerksamkeit braucht.
Wenn wir Gleitschirmfliegen oder ein Möbelstück bauen, sind wir nicht gleichzeitig mit den Gedanken bei der Einkaufsliste oder beim nächsten Meeting. Die Aktivität fordert unsere ganze Aufmerksamkeit und das ist das, was daran so gut tut. Das im "Hier-und-Jetzt-Sein" klingt immer so esoterisch und abstrakt, aber es ist tatsächlich nachweislich mit höherem Wohlbefinden, emotionaler Ausgeglichenheit und innerer Ruhe verbunden ist.
Die psychologische Forschung bezeichnet diesen Zustand als Mindful Attention – eine bewusste, nicht wertende Aufmerksamkeit für das, was gerade ist. Studien zeigen, dass Menschen, die öfter solche Momente erleben, seltener grübeln, seltener überfordert sind und insgesamt zufriedener mit ihrem Leben. Sie fühlen sich autonomer, verbundener und kompetenter, also in drei zentralen psychologischen Grundbedürfnissen gestärkt (Felsman u. a. 2017; Kiken u. a. 2017).
Und bei welchen Tätigkeiten kann man Mindful Attention praktizieren? Ganz einfach – bei allen. Allerdings gibt es Aktivitäten, bei denen man es sich gar nicht leisten kann, gedanklich abzuschweifen. Beim Einsatz mit der Freiwilligen Feuerwehr, beim Skydiven, beim Intervalltraining fordert der Körper und die Aktivität alle Aufmerksamkeit. Beim Tennis an den Einkauf gedacht? Punkt verloren. Beim Handwerken an den Streit von gestern gedacht? Falsches Loch gebohrt. Beim Häkeln, Lesen, Essen, auf dem Sofa liegen mit einer Tasse Tee – hier kann man einfacher abschweifen.
Aber was, wenn nicht? Was, wenn man ganz da ist mit seiner Tasse Tee? Wenn die Gedanken ruhig werden, der Tee warm in die Hand ausstrahlt, dazu die Sonne untergeht und man sich freut, dass die Spatzen das Vogelhäuschen auf dem Balkon entdeckt haben? Dann ist das ein fantastisches Hobby.
Das ist übrigens genau der Unterschied zu Tätigkeiten wie dem endlosen Durchscrollen von Instagram-Reels oder TikTok-Shorts: Auch hier vergeht die Zeit schnell, auch hier ist man „absorbiert" – aber eben nicht im gegenwärtigen Moment. Das Gehirn ist im Reiz-Reaktions-Modus, wartet auf den nächsten Kick, bewertet, überfliegt, sucht. Statt Ruhe entsteht innere Unruhe. Die Aktivität wird nicht erlebt, sondern durchrauscht. Deshalb fühlt man sich danach oft leerer als davor.
Denn das Gegenteil von präsenter Aufmerksamkeit ist gedankliches Abschweifen, und das macht nachweislich unglücklich. Wer beim Essen an den nächsten Termin denkt, beim Seriengucken noch schnell Nachrichten checkt oder beim Spazierengehen eine hitzige Diskussion vom Vormittag immer wieder durchkaut, ist zwar äusserlich beschäftigt, aber innerlich nie ganz da. In Studien zeigt sich, dass ruminatives Denken, also das wiederholte Kreisen um Sorgen oder Probleme, das Wohlbefinden deutlich senkt – unabhängig davon, wie angenehm die Aktivität an sich wäre (Crosswell u. a. 2020). Selbst schöne Erlebnisse machen weniger Freude, wenn man sie nicht wirklich erlebt.
Und jetzt wissen wir auch, was ein gutes Hobby ausmacht. Nicht, dass es besonders originell ist, sondern dass man darin versinkt, statt sich ablenken zu lassen. Fernsehen, Essen, Chillen – all das kann Hobby sein. Aber eben nur, wenn man es nicht im Automatikmodus tut. Wenn man bei einem Film so mitfiebert, dass man alles andere vergisst. Wenn man bei jedem Bissen bewusst schmeckt, wie sich die Aromen entfalten. Wenn man sich auf dem Sofa nicht einfach berieseln lässt, sondern innehält, schaut, spürt.
Ein Hobby muss also nicht ausgefallen sein. Es muss nicht produktiv sein. Es muss nicht sichtbar sein. Es muss dich nicht verbessern. Es muss dich einfach nur für einen Moment aus dem Autopilot holen.