Die meisten Unternehmen investieren heute in Mental Health, Resilienztraining und Employee Wellbeing. Gleichzeitig werden Mitarbeitende darin geschult, immer mehr digitale Tools zu nutzen. Dass beides zusammenhängt, hat kaum einer auf dem Bildschirm.
Arbeitgeber meinen es gut. Aktuell planen 91% der HR-Verantwortlichen, mehr Geld in die psychische Gesundheit ihrer Angestellten zu investieren (Wellable Employee Wellness Industry Trends, 2024). Von den umgesetzten Massnahmen scheint man auch überzeugt zu sein: 70% der Führungskräfte glauben, ihr Angebot wirke - aber nur rund ein Drittel der Angestellten bestätigt eine tatsächliche Verbesserung ihres Wohlbefindens. Das ist eine Wahrnehmungslücke von fast 35 Prozentpunkten. Man ist sich zwar bezüglich der Relevanz des Themas Gesundheit am Arbeitsplatz bewusst, es besteht aber offenbar eine enorme Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Effektivität dieser Massnahmen auf Seiten der Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
Diese Lücke ist nicht abstrakt - sie hat messbare Konsequenzen. In der Schweiz hat sich der Anteil gestresster Erwerbstätiger in zehn Jahren von 18% auf 23% erhöht, und erstmals seit Beginn der Messung fühlen sich über 30% emotional erschöpft (BFS / Gesundheitsförderung Schweiz, 2022). 82% der Mitarbeitenden gelten heute als Burnout-gefährdet - nicht als ausgebrannt, sondern als gefährdet, es zu werden (Mercer Global Talent Trends, 2024). Unter Gen Z und Millennials wird der Burnout-Peak mit 25 Jahren erreicht, 17 Jahre früher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Die Investitionen steigen, die Erschöpfung auch. Irgendetwas fehlt in der Rechnung.
Die Lösung? Oft werden digitale Tools herbeigezogen, um den mentalen Problemen entgegenzuwirken. Ein Meta-Review von PMC "Digital Wellness Programs in the Workplace" (2025), fand, dass sich die allermeisten Reviews (93%) mit der Wirksamkeit digitaler Tools für Gesundheitsprogramme beschäftigten. Man untersuchte Apps für Meditationen, Wearables zum Aktivitäts-Tracking, Webseiten für Positive Psychologie. Was aber kaum untersucht wird, sind die digitalen Medien am Arbeitsplatz als unmittelbarer Inhalt des digitalen Wohlbefindens. Dabei gibt es genug empirische Evidenz dafür, dass Technostress - eine Form von Stress, die durch die Nutzung oder Anpassung an Informations- und Kommunikationstechnologien entsteht - messbar ist und weitreichende Folgen auf Produktivität und Gesundheit hat.
Von der Digitalisierung erhofft man sich stetig nur Produktionsgewinne - E-mails sind schneller als Briefe, Teams-Chats sind schneller als E-mails, Copilot schreibt Antworten schneller als Menschen. Kann es aber wirklich effizienter sein, wenn wir pro Tag 117 E-Mails und 153 Teams-Nachrichten bekommen (Microsoft's Work Trend Index, 2025)? Im Gegenteil. Die Forschung zeigt immer wieder, dass Technostress die Produktivität messbar senkt, und Firmen, die den digital induzierten Stress nicht managen, die erwarteten Produktionsgewinne durch die Digitalisierung nicht realisieren (Nastjuk et al., 2023). Wer produktiv sein soll, muss zuerst gesund sein.
Und hier liegt das Hauptproblem. Unsere Gesundheit leidet massiv, wenn digitale Medien am Arbeitsplatz zu viel Platz einnehmen. Systematische Reviews belegen, dass "Techno-Invasion" (die Erwartung, ausserhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein) und "Techno-Overload" (zu viele digitale Aufgaben gleichzeitig) die am häufigsten genannten Stressoren in digitalisierten Arbeitsumgebungen sind (Pothuganti, 2024). Dementsprechend viel Evidenz gibt es auch für den Zusammenhang von Technologie und Erschöpfungssymptomen. Sowohl Information Overload, digitale Kommunikationsbelastung als auch die Angst, im digitalen Arbeitsumfeld etwas zu verpassen, sind eigenständige Risikofaktoren für Erschöpfung und Burnout (Soomro et al., 2025, Marsh et al., 2024).
Bei Kindern ist man sich inzwischen über die Risiken und Gefahren des digitalen Überkonsums einig - den Erwerbstätigen muten wir aber nach wie vor mehrere Stunden tägliche Bildschirmzeit, konstantes Monitoren mehrerer Kommunikationskanäle, Back-To-Back virtuelle Meetings und regelmässige IT-Schulungen für neue Software zu. Einem Kind kann man das Tablet wegnehmen - die Mitarbeitenden können sich kaum selbst schützen.
Was es dafür braucht, ist kein weiteres Tool. Es braucht ein gemeinsames Verständnis dafür, was digitaler Stress im Arbeitsalltag bewirkt - und eine Führungskultur, die digitale Balance nicht predigt, sondern vorlebt. Genau dort setzen wir an: in Beratungen, Workshops und der konkreten Umsetzung von Massnahmen, die zu eurem Unternehmen passen.